Achim Müller über Prism – Teil IV: #Neuland

Achim Müller, IT-Consultant und Bundestagskandidat für die Piratenpartei NRW, über „#Neuland“.

Fortsetzung von Teil III.

Da bin ich aber froh, dass ich wegen der Hitze Teil IV dieser kleinen Serie nicht im Laufe des gestrigen Tages bearbeitet habe, sondern erst jetzt, nachts um zwei. Sonst wäre mir nämlich eine prima Einleitung durch die Lappen gegangen. Frau Merkel hat ja auf einer Pressekonferenz anlässlich Obamas Besuch diesen einen, denkwürdigen Satz geäußert: „Das Internet ist für uns alle Neuland…

Spott und Häme waren ihr danach sicher. #Neuland ist seit dem Nachmittag unangefochtene Nummer 1 bei den Deutschland Trends auf Twitter. Ein Mem wurde geboren, das uns ähnlich wie „Browser, was war noch mal ein Browser” auf Jahre verfolgen wird. Aber wisst Ihr was? Ich bin mir ziemlich sicher, Mutti meinte das Richtige, hat es nur falsch ausgedrückt. Was für eine Kanzlerin mit großem Beraterstab peinlich genug ist. Und inhaltlich natürlich keine Begründung für die Machenschaften des Datenstaubsaugers NSA oder das skurril anmutende Verhalten einiger deutscher Politiker nach Bekanntwerden von PRISM sein darf.

Moore’s Law

Hätte sie statt des „Neulands Internet“ die Worte „aufgrund der unglaublichen Geschwindigkeit der Digitalen Revolution ist für uns (alle) vieles Neuland“ gewählt, kaum einer würde ihr widersprechen. Nach Moore’s Law verdoppelt sich die Komplexität integrierter Schaltkreise alle 12 – 24 Monate. Wir tragen heute die 1500fache Speicherkapazität einer vor 20 Jahren handelsüblichen Festplatte als USB-Stick am Schlüsselbund. Für ein Zehntel des damaligen Kaufpreises. Im gleichen Zeitraum erleben wir eine unglaubliche Daten- und damit einhergehende Informationsexplosion. Und bald wird auch der letzte Winkel der Erde mit einer Webcam ausgestattet und nur noch einen Mausklick und 200 Millisekunden entfernt sein.

Eine Gesellschaft muss erst einmal lernen, mit dieser rasanten Entwicklung verantwortungsvoll umzugehen. Verantwortung, die nicht nur vom Staat – ich meine immer noch Legislative, Exekutive, Jurisdiktion – oder der Wirtschaft eingefordert werden darf. Zu dieser Gesellschaft zähle ich auch den gemeinen Bürger, den Kunden und den Konsumenten.

Der bequeme Kunde…

Was die ausufernde Datensammelwut der Privatwirtschaft angeht – die übrigens im nächsten Teil ihr Fett abbekommen wird – so haben wir diesen Kampf wahrscheinlich bereits verloren. Unsere eigene Bequemlichkeit, unsere Gedankenlosigkeit und unsere permanente Gier nach „schneller, einfacher, billiger, besser“ haben dazu geführt, dass nicht nur Amazon, eBay, Paypal und XXXscout24 über unser kommerziellen Gewohnheiten und Einkaufsprofile mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit umfassender als der eigene Lebenspartner informiert sind.

Allzu leichtfertig gehen wir in dieser digitalen Welt selbst mit den persönlichsten Daten um, wenn uns ein Rabatt, eine scheinbar kostenlose Leistung oder ein Hauptgewinn versprochen werden. Wir akzeptieren, dass Trackingsysteme unsere Surfgewohnheiten festhalten. Wir denken uns nichts dabei, wenn Skype, Twitter oder Facebook unsere Adressbücher durchforsten wollen. Wir installieren schicke, oft kostenlose Apps und verscheuchen die Sicherheitshinweise wie eine lästige Fliege mit einem Klick. Wir freuen uns über den neuen Stauwarnmelder im Smartphone, der aktuellere Informationen als die halbstündigen Verkehrshinweise im Radio liefert. Aber wir hinterfragen nicht, woher denn diese Infos kommen. Oder warum sie aktueller sind.

…vergisst zu viel

Wir sind nicht interessiert und lassen uns zu viel gefallen. Wir vergessen zu schnell und zu viel. Wir lernen nicht aus der Vergangenheit. Wer hat sich schon einmal damit beschäftigt, wie private Kreditscoring-Unternehmen mittlerweile zu ihren Ergebnissen gelangen? Wer weiß heute noch um die Pläne von Easycash aus dem Jahr 2010? Wer hat im vergangenen Jahr mitbekommen, dass Abrechnungszentralen für gesetzliche Krankenversicherungen im Verdacht standen und auch heute noch stehen, in großem Umfang mit personenbezogenen, teils sehr intimen Rezeptdaten zu handeln? Wer erinnert sich noch an das Vorhaben von Facebook, private Nutzerdaten mit denen von Unternehmen abgleichen zu lassen? Das waren jetzt nur vier Beispiele, die mir auf die Schnelle eingefallen sind.

Die Frage nach dem Jahresgehalt gilt in Deutschland immer noch als unschicklich. Und eine numerische Antwort erfolgt auf diese Frage eher selten. Aber wir haben keine Bedenken, unser gesammeltes digitale Leben in eine Cloud, vorzugsweise auf US-Servern, auszulagern. Der Inhalt unser meist unzureichend gesicherten privaten Computer, Notebooks und Handys sagt oft mehr über unser Leben aus, als Einrichtung und persönliche Gegenstände in unseren durch Alarmanlagen gesicherten Häusern oder Wohnungen.

Ich selbst habe mir irgendwann die sehr hypothetische Frage gestellt, ob ich, wenn ich die Wahl zwischen Pest und Cholera hätte, eher einer Durchsuchung meines Hauses oder meines Rechners zustimmen würde. Die Antwort liegt auf der Hand: ich würde ohne eine Sekunde des Zögerns auf mein Haus zeigen.

Hand auf’s Herz: wer von Euch geschätzten Lesern hätte spontan die gleiche Wahl getroffen?

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