Andreas Rohde über die päpstliche Drogenpolitik

Andreas Rohde, NRW-Listenkandidat für die Bundestagswahl, hat das Wahlprogramm für eine sinnvolle Suchtpolitik mitgeprägt. Zur Drogenpolitik des Papstes kommentiert er:

Ah ja. Heute verkündete der Papst, er wäre gegen die Legalisierung von Drogen.

 

Für die meisten Menschen in Europa ist ein Papst eben der Chef der katholischen Kirche. Und wir sind es gewohnt in säkularen Staaten zu leben. Regierungen kümmern sich um weltliche Fragen und die Kirche ums Seelenheil. Aber immer wieder kommen sich weltliche Anschauungen, gesellschaftliche Entwicklungen und religiöse Ansichten ins Gehege. Päpstliche Aussagen, die bei uns bestenfalls zu Boulevarddiskussionen führen, haben in anderen Teilen der Welt aber oft weitgehenden Einfluss auf die weltliche Politik und das gesellschaftliche Verhalten. Und diesen ihr verbliebenen weltlichen Einfluss nutzt die Kirche dann auch gerne und oft.

Sicher ist allen noch die Diskussion um Kondome in bester Erinnerung. Für uns eine Selbstverständlichkeit, mit der wir uns schützen, in christlichen Ländern auf anderen Kontinenten jedoch auf päpstliche Anordnung hin verpönt. Die Folgen dieses vatikanischen Dogmas sind beispielsweise in Afrika dramatisch. Gesundheitsorganisationen bemühen sich verzweifelt, die rasante Verbreitung beispielsweise von HIV auf dem schwarzen Kontinent zu stoppen. Und Kondome sind hier nun mal das beste Präventionsmittel. Wo es gelingt die Menschen von der Benutzung zu überzeugen, da zeigen sich umgehend auch positive Effekte.
Und dann kommt die Kirche daher, verteufelt die schützenden Gummis und empfiehlt (oder befiehlt) den Gesellschaften Enthaltsamkeit als einzig wahre Lösung.

Hier zeigt sich sehr deutlich die Weltferne des Vatikans. Menschen haben Sex. Und das nicht nur – wie die Kirchen es gerne hätte – in treuen christlichen Ehebündnissen. Der päpstliche Bann von Kondomen konterkarierte dann auch sofort sämtliche Erfolge der Sozial- und Gesundheitsorganisationen. Er führte in Afrika umgehend zu einem erneuten Anstieg der HIV-Infektionen. Denn das mit der Enthaltsamkeit ist eben nur ein religiöser Wunschgedanke. Und der ist dann gefährlich, wenn er mit einer Ächtung des besten Gesundheitsschutzes einhergeht, den die Welt hierbei hat.

Anderes Thema, gleiche Wirkung:

Seit Jahrzehnten versuchen Organisationen und Staaten mit den Mitteln der Prohibition den Drogengebrauch in der Welt zu eliminieren. Verbote und Strafen sollen Menschen von etwas abhalten, dass sie immer schon gerne gemacht haben. Und auch das ist weltweit ein sinn- und erfolgloses Unterfangen. Die Strafen wurden immer härter, die Verfolgung immer intensiver und teurer und gleichzeitig stiegen die Konsumentenzahlen und die Zahl und Vielfalt der verschiedenen Drogen stetig an. Und während vor allem westliche Staaten sich weiter an der Illusion festkrallen, mit diesem Vorgehen schon das Richtige zu tun, verdienen sich kriminelle Strukturen schwindelig. Sie rüsten auf. Sie destabilisieren überall auf der Welt Regierungen. Sie übernehmen brutal die Kontrolle. Denn diese Verbotspolitik finanziert und stärkt genau das, was sie angeblich bekämpfen will.

Ganze Teile Lateinamerikas drohen in einem Drogenkrieg zu versumpfen. In Mexiko sterben jährlich so viele Zivilisten in den Kämpfen um Territorien und Handelswege, wie in Deutschland eine Kleinstadt Einwohner hat. Die Regierung dort muss zugeben, dass sie über weite Teile ihres eigenen Landes keine Kontrolle mehr hat. Und auch eine ganze Reihe weiterer Anbauländer vor allem von Cokapflanzen und Marihuana erleben seit Jahrzehnten, wie ihnen ihre Länder mit dieser Prohibitionsstrategie immer mehr entgleiten. Je mehr die kriminellen Strukturen polizeilich und militärisch bekämpft wurden, desto stärker und finanzmächtiger wurden diese. Heute stehen viele Kartelle dort der militärischen Ausrüstung und Organisation der Staaten in nichts mehr nach.

Es ist ja nicht so, als hätten wir mit der nordamerikanischen Alkoholprohibition der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts kein hervorragendes Beispiel für das vorprogrammierte grandiose Scheitern von Drogenverboten. Auch damals schon wurden so erst mafiöse Strukturen geboren, die erst mit der Re-Legalisierung des Alkohols aufhörten immer mächtiger und destruktiver zu werden. Erst, als die USA den Alkoholhandel in staatliche Hände und unter seine Kontrolle nahmen, ließ sich der Umgang damit in geregelte Bahnen lenken. Jedoch hatten die USA diesen Teil ihrer Geschichte erfolgreich verdrängt und seit den 60er Jahren der ganzen Welt erneut eine Drogenprohibition aufgedrückt.

In den letzten Jahren entwickelte sich nun aber in einigen lateinamerikanischen Ländern die Einsicht, dass man diesen Teufelskreis nur durchbrechen kann, wenn man den Kartellen ihre Geschäftsgrundlage entzieht. Und so wurden – übrigens gegen den Widerstand des uneinsichtigen Westens – bereits erste Legalisierungen beschlossen. Immer mehr Staaten Lateinamerikas nehmen jetzt Anbau, Handel und Verkauf von etwas selbst in die Hand, dass so oder so stattfindet, ganz egal was sich dogmatische Politiker in aller Welt wünschen. Und sie haben Recht damit. denn wo immer ein Staat sich mutig über diese Jahrzehnte alten Dogmen hinweg gesetzt hat, können die schon nach kurzer Zeit handfeste Erfolge vorweisen. Erfolge, die sämtliche Verbotsstaaten nicht vorweisen können.

In Europa kann man hierbei Portugal gar nicht oft genug erwähnen. Vor gut zehn Jahren wurde dort – von der Welt argwöhnisch beäugt und kritisiert – eine weitgehende Entkriminalisierung der Konsumenten eingeführt. Und auch Teile von Anbau und Handel nahm der Staat dort in die Hand. Gleichzeitig wurden die Hilfsangebote für Menschen, die mit Drogenkonsum Probleme entwickelt hatten, massiv ausgebaut.
Die von außen dabei prophezeiten apokalyptischen Zustände blieben aus. Die Zahl der Drogenkonsumenten stieg nicht. Teilweise war sogar das Gegenteil der Fall. Jugendschutz funktioniert auf einmal auch in diesem Bereich und kriminelle Strukturen wanderten ab oder zerfielen. Und im Gesundheitsbereich – beispielsweise bei HIV-Infektionen – kann Portugal heute positive Entwicklungen vorzeigen, von denen der Rest Europas nur träumen kann.

Und nun kommt der Papst. Er meint, das eben diese bereits erfolgreich praktizierten Legalisierungsideen Teufelszeug wären. Und das ist wirklich eine tragische und gefährliche Aussage. Wir schon bei den Kondomen könnte er damit die zarten Anfänge eines vernünftigeren Umgangs, der endlich die Aussicht auf Erfolg hat, zerstören. Denn die Kirche hat in Lateinamerika noch sehr viel mehr Einfluss auf die Menschen als hier bei uns.
Er gibt sich als Sozialpapst. Er geht in die Suchtkliniken Brasiliens. Er sieht das Elend. Aber er sieht nicht, was bei all dem Ursache und Wirkung ist. Oder aber er sieht es sehr wohl, stellt aber wie auch seine Vorgänger kirchliche Dogmen darüber, ganz egal welche tragischen Folgen das haben wird. Er will lieber den Aus- und Neubau von Suchtkliniken fördern, als die Ursachen von problematischem Drogenkonsum anzugehen. Das ist – wie wir es mittlerweile weltweit gewohnt sind – nicht anderes als die stoische Verwaltung vermeidbarer Probleme.

Wenn Politiker so reden und handeln, dann ist das ja etwas, das man vielerorts wählen oder auch abwählen kann. Wenn ein Papst das macht, dann kann das weltweite Auswirkungen haben.

Ich hoffe, dass sich die Staaten Süd- und Mittelamerikas davon nicht beeindrucken lassen. Denn wie schon bei den Kondomen, die von sexueller Enthaltsamkeit ersetzt werden sollten, wird auch bei Drogen kein päpstlicher Wunsch nach Enthaltsamkeit funktionieren. Die Kirche darf sich das gerne wünschen, aber menschliche Bedürfnisse werden deshalb nicht verschwinden. Sie suchen sich lediglich andere Wege. Wege, die die Gesellschaften dann nachweislich nicht mehr in der Hand. haben.

Drogenkartelle kennen keinen Jugendschutz, keine Gesundheitspolitik und auch keinen Verbraucherschutz. Sie kennen nur Macht, Profite und Gewalt. Sie lassen verängstigte und verelendete Menschen zurück. Sie zerstören friedliche Gesellschaften. Kein Staat sollte sich damit zufrieden geben immer nur notdürftig hinter Verbrechern aufzuräumen, deren Existenz er mit Verboten überhaupt erst ermöglicht.

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