Holger Hennig kommentiert die Vorgänge auf dem Taksim-Platz

 

Holger Hennig, Bundestagskandidat für die Piratenpartei und Theaterpädagoge, über unsere von Social Media geprägte Wahrnehmung der Geschehnisse in Istanbul.

Taksim und kein Ende, man hat fast mehr das Gefühl, dass es in der Türkei einen Bürgerkrieg gibt. Mit „normalen“ Demonstrationen hat das nichts mehr zu tun. Es erinnert eher an die großen Demonstrationen, die es in Europa und Amerika vor gut vierzig Jahren gab. Auch damals gab es tote Demonstranten, auch damals ging die Polizei mit großer Gewalt vor, auch damals waren die Straßen voll, und unter den Demonstranten gab es ein neues Lebensgefühl.

Eine Sache ist ganz anders. Und das ist die Geschwindigkeit, die Vernetzung, der Informationsfluss. Man merkt, ich kümmere mich hier gar nicht darum, dass die Staatsgewalt in der Türkei Amok läuft.  Ich setze voraus, dass das bekannt ist, und auch, dass wir das verurteilen. Der Informationsfluss ist so schnell, das ist auch inzwischen eine Binsenwahrheit, weil Facebook, Twitter und tumblr so rasant Bilder und Berichte verbreiten. Auch der Google-Übersetzer kann eine große Hilfe sein. Wir sind also quasi an der Quelle. Und wenn die Regierungsseite in der Türkei großflächig lügt – was sie macht -, dann können wir das live widerlegen, weil wir bei Twitter die Fotos sehen, die das Gegenteil berichten. Daneben gibt es Youtube-Videos, Streams, näher kann man ohne Flugreisen wohl kaum dabei sein.

So gefühlt omnipräsent wie die Demonstrationen in Istanbul und der ganzen Türkei nun auf Twitter sind, so gerne kümmern sich unsere Medien um Querelen in der SPD, oder andere Befindlichkeiten. Die Türkei wird nicht totgeschwiegen, aber live dabei sind selbst die Onlinemedien deutlich weniger, als die Netzwerke. Die konventionelle Presse bemüht sich, den Ball flach zu halten, so als ob es da nur um ein paar Leute ginge, die nicht so ganz zufrieden sind. Das gilt auch für andere Bereiche, die im Moment erschreckend wenig beleuchtet werden. Siehe PRISM und so weiter. Und das sagt mir aktuell wieder, dass wir die Gegenöffentlichkeit der sozialen Netzwerke, der Blogger und Vodcaster brauchen. Weil die Medien aus dem letzten Jahrtausend eben nicht mitkommen, ziemlich wahrscheinlich auch nicht mitkommen wollen.

Aber es gibt noch einen Aspekt, der mich noch mehr ans Grübeln bringt. Wenn man nämlich sieht, wie wenig die so konventionellen, wie kommerziellen Medien die Situation durchleuchten, meistens scheitern sie schon beim Darstellen, dann frage ich mich recht ernsthaft, wie viel uns vor Twitter und so weiter verschwiegen wurde.

In der Türkei sind es Zehntausende die seit Tagen dauernd auf der Straße sind. Sie alle wollen nicht von wirr religiösen Konservativen regiert werden, sie wollen nicht, dass der Staat sich in ihre Angelegenheiten mischt. An der Stelle kann man ansetzen, denn das gleiche Problem gibt es auch hier bei uns. Geht es nach den etablierten Parteien, ist Vorratsdatenspeicherung und eine Stasi 2.0 völlig in Ordnung, ist es genauso in Ordnung, Arme zu schikanieren und diskriminieren, Leute wegen Downloads oder Drogeneinnahme zu kriminalisieren und vorzuschreiben, was eine Familie ist und wie sie funktionieren muss – ja, es gibt Unterschiede zu den Ideen Erdogans, aber die sind letztlich nur graduell.

Und wir sollten uns Illusionen nur in überschaubarer Menge machen. Chemische Kampfstoffe werden von der deutschen Polizei auch angewendet, Wasserwerfer und Schlagstöcke auch. Dass es dafür Provokationen von Seiten der Demonstranten geben muss, ist ein gern erzähltes Märchen, das immer wieder als solches entlarvt wird. Und wo heute der Stellvertreter Erdogans mit dem Einsatz der Armee droht, kann man ja auch mal darauf hinweisen, dass letztens noch das Hintertürchen aufgemacht wurde, durch die die Bundeswehr ebenfalls zu Einsätzen gegen Demonstrationen herangezogen werden können.

Alle Macht, so heißt es, soll vom Volke ausgehen. Wir sehen zum vielfach wiederholten Male, wie die Gewalt aufs Volk eindrischt. Wir müssen dafür sorgen, dass es bei uns nicht genauso aussehen wird, wenn endlich noch mehr Menschen auch bei uns für Freiheit demonstrieren.

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