Achim Müller, Listenkandidat der NRW-Piraten für die Bundestagswahl, platzt der Kragen über Peter Hahnes (ZDF) jüngsten Missgriff:

Als (relativ) erfolgreicher Freiberufler bin ich im politischen Spektrum nicht unbedingt am linken Rand zu finden. Ebensowenig meine selbständig tätige Lebenspartnerin. Woanders hatte ich schon geschrieben, dass wir uns meine mittlerweile drei Jahre Elternzeit und damit verbundene Pause im Beruf im wahrsten Sinne des Wortes leisten können. Weil wir beide deutlich über dem statistischen Durchschnittseinkommen verdien(t)en. Und ich war mit Ausnahme des Bafögs nie von staatlichen Transferzahlungen abhängig, wollte es auch nie sein. Ergo bin ich eher ein Verfechter des Leistungsprinzips. Aber was ich heute mehr zufällig im Internet gefunden habe, hat mir die Zornesröte ins Gesicht getrieben.

Peter Hahne, studierter Theologe, glühender Verteidiger des „Christentums“ und von Beruf „Journalist“ unter anderem für das ZDF und die Bild am Sonntag — ich mag die Worte Christentum und Journalist im Zusammenhang mit seinem Namen nur in Anführung schreiben — hat sich in seiner gestrigen Sendung mit der „Wahrheit über Hartz-IV-Empfänger“ beschäftigt. Ich zitiere hier nur den Einspieler:

Geht es Ihnen auch so, dass Sie sich aufregen über den Missbrauch von Hartz-IV? Es gibt Leute, die gleich doppelt abkassieren: Schwarzarbeiten und Hartz-IV einstecken! Jugendliche, die erst gar keine Lehre anfangen, weil sie ganz gut von Hartz-IV leben können. Und dann die ganze Wohlfahrtindustrie, die davon auch profitiert. Und das alles von unseren Steuergeldern. Leben auf Lau! Die Wahrheit über Hartz-IV!“ (Ich verlinke hier absichtlich nicht zur ZDF-Mediathek.)

Im ersten Moment war ich sprachlos und glaubte an eine schlecht gemachte Satire. Dann dämmerte mir, dass der freundlich in die Kamera lächelnde Peter Hahne all das ernst meint. Und das ZDF sich nicht zu schäbig ist, eine solch tendenziöse Sendung zwei Wochen vor der Wahl auszustrahlen. Den Rest nach dem Einspieler hab ich mir nicht angetan, werde es vielleicht auch nicht mehr tun. Allein das noch nicht einmal auf Stammtischniveau befindliche Intro erfüllt nach meinem laienhaften juristischen Verständnis fast schon den Straftatbestand der Volksverhetzung.

Nun mag ich als vor Jahren aus der Kirche ausgetretener bekennender Atheist vielleicht der falsche sein, der daran erinnert: Aber mich deucht gar schröcklich, dass der bekennende Christ Herr Hahne entweder das Neue Testament nicht gelesen oder völlig falsch verstanden hat. Oder zu den von mir immer verächtlich als „Pseudo-Christen“ verunglimpften Menschen gehört, welche die Philosophie des Neuen Testaments zwar mit salbungsvollen Worten hochloben, aber in der Realität selbst nie vorleben. Die man übrigens zu hauf in den beiden Parteien mit dem vorangestellten „C“ findet.

Ebenso wird sich Peter Hahne – auch hier befindet er sich in bester Gesellschaft mit zahlreichen Mitgliedern der Regierungsparteien – als Journalist nie mit den drastischen und äußerst beunruhigenden Veränderungen in der Einkommens- und Vermögensverteilung der letzten zwanzig Jahre auseinandergesetzt haben. In Stichworten, ich will hier nicht mit drögen Zahlen langweilen:

Unternehmens- und Vermögenseinkommen legten zu, Masseneinkommen stagnierten, niedrige Erwerbseinkommen sanken. Steuern auf hohe Einkommen wurden gesenkt, indirekte Steuern erhöht, Sozialleistungen gesenkt. Manche Familien kommen nur noch mit Hilfe von Zweit- oder sogar Drittjobs halbwegs über die Runden. Die Gängelungen von Transferempfängern gehen mittlerweile so weit, dass sogar Mitarbeiter der Arbeitsämter öffentlich auf die unhaltbaren Zustände hinweisen. Und dann freigestellt werden.

Klingt alles ziemlich „links“, oder? Bin ich aber nicht. Vielleicht ist Peter Hahne aber auch kein Christ. Oder Journalist.